Was ist Konkretismus?

1.
Seit den 1950er Jahren zeichnet sich in allen Bereichen der künstlerischen Gestaltung, von der konkreten Poesie über die Architektur bis zum modernen Industriedesign eine Tendenz ab, die in Anlehnung an Begriffe wie konkrete Poesie oder konkrete Malerei als Konkretismus bezeichnet werden kann.
In der Poesie wie in der Malerei erweitert neben der repräsentativen Funktion der Zeichen vor allem der konstruktive Aspekt die Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks. Diese Entwicklung ist von der alten Vorstellung geprägt, daß es Gesetzmäßigkeiten der Kunst gebe, die sich in den richtigen Regeln der künstlerischen Gestaltung widerspiegeln. Nur wird diese alte Vorstellung jetzt unter den neuen Bedingungen der aufkommen Informationstechnologie und der Semiotik neu gefaßt.
Zugleich werden hierzu parallel Verfahren der Erkundung der semantischen Möglichkeiten der Zeichen entwickelt. Nicht mehr die Gewißheit, daß ein Zeichen auf vorhersagbare Weise bedeuten würde, sondern die Eröffnung der Möglichkeiten vielfältiger Bedeutung für den Rezipienten des Kunstwerks tritt jetzt in den Vordergrund.
Im Ergebnis bildet sich ein konkretistischer Stil in den Künsten und den gestalterischen Fächern heraus, der ganz unabhängig von den einzelnen Strömungen im Konkretismus für alle Bereiche als charakteristisch erscheint.

2.
Der Konkretismus ist jedoch keine Kunstströmung, vielmehr ist er eine Haltung in der künstlerischen Produktion, die vermehrt und systematisch, jedoch in Vielfalt entwickelt seit dem 2. Weltkrieg anzutreffen ist. Dem Material der Zeichen wie ihren Medien wird eine herausragende Rolle zugesprochen, während das Zeichen nicht mehr als transparent bezogen auf einen Sinn aufgefaßt wird.
Semantische Determinierungen werden daher preisgegeben zugunsten semantischer Offenheit, womit die Polysemie der Zeichen respektiert wird, welche aus ihrer sozialen Fabrikation resultiert. Die Reduktion semantischer Schärfe korrespondiert somit einem Gewinn an semantischer Breite, wobei dem Rezipienten die Entscheidung über die für ihn gültigen Bedeutungsfacetten des Artefakts übertragen wird.
Die Betonung semantischer Breite wird gestützt durch eine Auffächerung der morphologischen Eigenschaften des Zeichens und seines Mediums. Es wird in seiner Vielfalt und in seinen potentiellen, jedoch noch ungenutzten Formen zum Einsatz gebracht und, gegebenenfalls, über seine konventionelle formale Variationsbreite hinaus zu unbekannten Daseinsformen geführt.
Die Konkretisierung und Exploration des Materials folgt keinem artistischen Dogma, sondern ist ein Vorgang, der sich den verschiedensten Ausgangsüberlegungen anschließen kann.

3.
Eines der weltweit führenden Epizentren dieser Revolutionierung des artistischen Ausdrucks war in den 1950er und 1960er Jahren Stuttgart. In einer Atmosphäre des experimentellen und synergetisch wirkenden Zusammenspiels von geisteswissenschaftlichen und technischen Disziplinen wurden wesentliche Grundlagen des Konkretismus und des konkretistischen Stils erarbeitet und in Form von Produkten und Publikationen realisiert.
 
4.
Das Projekt Die Materialität der Zeichen - Konkretismus in Stuttgart + global setzt sich zum Ziel, unabhängig von den einzelnen Strömungen, die diesen Vorgang geprägt haben mögen, das Verbindende dieser Tendenz gleichermaßen in wissenschaftlicher Form eines internationalen Symposions zu erarbeiten wie in Form von Ausstellungen und anderen Formen der Präsentation in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.